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Musikindustrie hält 2.49 Euro pro Song für angemessen

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Auf der bereits im dritten Jahr stattfindenden Branchenveranstaltung C/O POP präsentierten sich Vertreter von Musikindustrie und Rechteverwertung letzte Woche in Köln erschreckend inkompetent und unrealistisch hinsichtlich ihrer Vorstellungen rund um die Zukunft des digitalen Musikvertriebs. Die Kernaussage der Vertreter von Majorlabels und GEMA ist, dass Musik und Filme im Internet derzeit viel zu billig angeboten würden. Neue inhaltliche und technische Tendenzen im Internet werden als Spinnerei abgetan und man zeigt sich einmal mehr nicht in der Lage, eine Entwicklung flexibel zu begleiten und die eigenen Chancen dabei zu suchen und zu nutzen.

2.49 pro Song

Wer denkt, wir hätten das Schlimmste hinter uns, täuscht sich. Apple hat den Verkauf digitaler Musik durch attraktive Preise und einen anwenderfreundlichen iTunes Musik Store enorm angekurbelt. Doch bei der Musikindustrie kann sich darüber scheinbar niemand so recht freuen. Konsequent wird verweigert, eigene Kostenstrukturen zu überdenken sowie die neuen Verhältnisse bei Preiskalkulationen zu berücksichtigen, und so kommt Christopher Gersten von Universal zu einem „realistischen Preis“ von 1.99 pro Song während ein Vertreter der Filmbranche gar bis zu 2.49 Euro unausweichlich kommen sieht.
Sehr interessant waren in diesem Zusammenhang die Erfahrungsberichte eines „Buchhändlers“. Der Geschäftsführer von Random House Audio, Karl Heinz Pütz, strahlt beim Gedanken an den Onlinevertrieb von Hörbüchern über beide Backen. Der Wegfall des physischen Produkts sorgt für Einsparungen bei der Produktion und Lagerhaltung, Kosten für Rücknahme und Entsorgung der nicht verkauften Ware fallen weg. Dadurch kommt ein Preisnachlass von 30 Prozent für online gekaufte Hörbücher zustande. Random House verkauft von einzelnen Titeln bereits über 50 Prozent über das Internet.
Auch wenn sich das Geschäft mit Hörbüchern nicht 1:1 auf den digitalen Musikvertrieb übertragen lässt, es zeigt sich, dass hier grundsätzlich neu kalkuliert und strukturiert werden muss anstatt weiter in alte Sessel zu furzen. Teils dürfte das verbissene Klammern der Manager der Musikindustrie an alte Strukturen dann auch der verzweifelte Versuch sein, den eigenen Arbeitsplatz gegen den fesch pfeifenden Wind aus völlig neuen Ecken abzuschotten.

Wissen und Halbwissen

Dieser neue Wind weht dann offensichtlich auch erfolgreich an einigen Innovationsverweigerern vorbei. Zwar ist Unwissenheit keine Schande, doch sollte man ein gewisses Mindestmaß an Offenheit und Kommunikationsbereitschaft an den Tag legen um Lernbereitschaft zu demonstrieren. Reagiert man allerdings auf Kritik und Nachfrage derart plump und beleidigend wie der Autor Ralf Niemczyk, so scheint eine verflucht tiefe und böse eiternde Wunde getroffen. Dieser moderierte ein Panel zum Thema „Neue Strategien für die New Economy 2.0“, in dem sich unter anderen die Vertreter von Universal und Jamba an ihren neu gelaunchten Web 1.0-Projekten – einem Online-Musikmagazin und einem Downloadstore – weideten. Auf Nachfrage, wo bitte hier das 2.0 zu finden sie, verhaspelte sich Niemcyk in einem peinlichen Bashing auf die ‚Exhibitionisten des Web‘ (gemeint waren die Blogger) und hinterließ zum Ende der Diskussion ein recht verunsichertes Publikum. Mit dabei war auch hier Gersten von Universal, für den Web 2.0 wahlweise ein alter Hut, „das gibt es doch alles seit 10 Jahren“, oder aber eine Klingelton-Allianz mit Jamba ist: „ich könnte mir z.B. vorstellen, dass wir mit Jamba zusammen einen Christina Aguilera-Klingelton machen und auf beiden Plattformen anbieten“. Solche Aussagen offenbaren dann, wie es um Kompetenz und Ideen in der Branche wirklich bestellt ist und vor allem, wie weit man inzwischen von den Interessen der Verbraucher entfernt ist.

Spannende neue Wege

Interessantere Ansichten und wohl deutlich mehr Kompetenz konnten die beiden ‚Underdogs‘ in diesem Panel vorweisen. So behauptet sich laut.de nun schon seit einigen Jahren erfolgreich als Online-Musikmagazin. Der Geschäftsführer Rainer Henze scheint sich den Herausforderungen Möglichkeiten des neuen Web bewusst und sammelt mit Projekten wie Klublandschaft.de bereits erste Erfahrungen.
Spannende Ansätze kommen auch vom Indie-Downloaddienst 7digital. Die Briten bieten neben ihrem Downloadstore für DRM-freie Musik mit dem Indiestore eine Verkaufs- und Communityplattform für unabhängige Künstler und wollen demnächst auch mit einer deutschen Dependance online gehen.

Eines scheint sicher. Sollten sich tatsächlich die momentan schlichtweg irrsinnig anmutenden Preisvorstellungen der Musikindustrie bei Anbietern wie iTunes oder Musicload durchsetzen, so werden die Alternativangebote davon profitieren. Die Rechnung ist einfach: was durch den Wegfall von Labels und wohl auch GEMA gespart weden kann, ist nicht von schlechten Eltern. Da kann man im Direktvertrieb deutlich günstiger anbieten und hat letztendlich immer noch mehr in der Tasche.
Klar fällt dann vielleicht das eine oder andere Sternchen unter den Tisch, aber auch das lässt sich positiv sehen: Kulturellen Anspruch und künstlerisches Engagement gibt es im zum fairen Preis, wer Tokio Hotel will, der bezahlt Schmerzensgeld. So wird das Zugrunderichten der Kultur gestoppt, nicht durch höhere Urheberechtsabgaben! Zudem werden immer weniger Kunden bereit oder auch überhaupt dazu in der Lage sein, derart überteuert einzukaufen. Die Musikindustrie wird froh sein, wenn der mühsam aufgebaute und anschließend brüskierte digitale Kundenstamm die Alternativangebote annimmt, anstatt gleich wieder vermehrt in den illegalen Tümpeln zu fischen.

So. Nach diesem ungewöhnlich langen und unbebilderten Text erst einmal ein wenig Musik: Kostenlos, legal und vor allem gut bei den Netlabels oder bei Garageband. Für die eigene Meinung zum Thema gibt es inzwischen einen Thread bei uns im Forum.

Mittwoch, 30. Aug 2006, 7:07 Uhr — Nicolas
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