Das SZ-Magazin regt zum Nachdenken an

Die Wahrheit über Kinder-Apps: Darum sollten wir vertrauen.

22 Kommentare

Nie wird die Suppe heiß gegessen

Das SZ-Magazin beschäftig mal wieder das Thema „Apps in Kinderhänden“. Wie so oft gibt es auf die Frage „Ist eine mobile Applikation ein angemessenes Spielzeug für Kinder?“ ein entschlossenes „Vielleicht“. Bitte immer schön mittig fahren. Wir wissen ja noch nichts Genaueres: Studien zu den entwicklungspsychologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen kindlichen App-Konsums liegen in frühestens zwei, drei Jahren vor.

Bücher machen schlau

Gute Einsichten gab es in dem SZ-Artikel dann aber doch. Sie kommen von Stuart Dredge, der sich nicht artikelweise mit dem Thema beschäftigt, sondern die Entwicklungen schon seit geraumer Zeit für den Guardian beobachtet. Seine These: Hören wir auf, Apps für das Verschwinden der Bücher aus Kinderzimmern verantwortlich zu machen. Diese Entwicklung hat mit dem Fernseher eingesetzt, nicht mit dem Tablet-Computer. Im Gegenteil: Das iPad kann vielleicht sogar ins Kinderzimmer zurückholen, was der Fernseher zu verdrängen scheint – das Denken.

Ohne Zweifel macht selber Denken schlau und sind Bücher ein hervorragendes Werkzeug im Dienste dieser schönen Anstrengung. Die Gretchen-Frage, die bisher gerne im Schatten des erzieherischen Pathos’ beantwortet wurde, welches wir beim Überreichen eines Buches gleich mitliefern, ist:

Wie schlau machen Apps?

Sicher, „Kleiner Fuchs Kinderlieder“ oder „Meine erste App“ sollen unterhalten und weder einen familiären Erinnerungskanon weiterreichen noch die Karriere fördern. Darin haben sie es vielleicht sogar leichter als Bücher, die oft mit einer dicken Puderschicht Bildungsanspruch und Familientradition überzogen werden bevor sie aus der Hand gehen.

Doch ihre Unterhaltung muss darum nicht anspruchslos sein. Die besondere Stärke mobiler Applikationen liegt in ihrer affektiven Komponente: Der Mensch ist nun mal ein sinnliches Wesen. Wir reagieren schneller auf visuelle und auditive Reize als auf Buchstaben, deren Bedeutung wir im Kopf erst zusammensetzen müssen.

Dieser Umstand ist keine Kleinigkeit. Apps erleichtern Kindern den Zugang zu Sachverhalten und Kompetenzen, weil sie sie da abholen, wo Lernen ganz unmittelbar stattfindet: im Spiel.

Deswegen zeigen sich immer mehr Bildungseinrichtungen offen für ihren Einsatz. – Während über ihre Einführung in den privaten deutschen Haushalt von Talkshow-Experten weiterhin ein Bann verhängt wird.

Apps haben das große Potenzial, Inhalte sehr viel leichtfüßiger, praktischer zu vermitteln als manches Buch. Aber das bedeutet nicht, dass sie das Buch überflüssig machen. Apps und Bücher für Kinder spielen nicht etwa in einer anderen Liga. Sie spielen einfach nicht dasselbe Spiel. Und liefern dennoch auf ihre je ganz eigene Weise reichhaltigen Input für Kopf und Seele.

Wie schlau also machen Apps?

Kommt auf ihre Qualität an. Und da sind Nutzer ebenso gefragt wie Entwickler. Gute Ideen haben ihren Preis.

Klingt wie das Übliche. Ist es auch.

1. Kinder gehen mit offenen Sinnen durch die Welt. Das macht es so leicht, sie zu beeindrucken. Eltern und Erzieher müssen sich die Frage stellen, welche Erlebnisse sie in die Schatztruhe ihrer Kinder legen wollen. Vor allem vom asiatischen Markt schwappen mehr und mehr Spielekonzepte, welche mit den humanistischen Bildungsidealen, die hierzulande gerne propagiert werden, wenig gemeinsam haben. Sie bestehen aus glitterbunten glatten Abziehbildchen, auf die Baby raufpatschen kann – bumm! Pixel-Feuerwerk. Diese behavioristische Lernpsychologie, das Erlernen von Reiz-Reaktions-Mustern, gibt es oft für kostenlos oder weniger.

Wem das nicht reicht, der hat zugegeben leider oft ein Problem. Die Suche nach Qualität ist im App-Store kein leichtes Unterfangen. Ab iOS7 will Apple eine altersbezogene Suche einführen. Aber auch hier, wie schon bei den inhaltlichen Kriterien, nimmt der Entwickler selbst die Einordnung seines Produktes vor. Und wenn Bildungs-Apps für 6+ Jährige am besten funktionieren, wird die Marketingabteilung schnell darauf reagieren und Apps in diesem Sinne bewerben.

Noch gilt es einfach, selbst viel auszuprobieren. Dennoch ist auch immer mehr kritische Expertise im Feld vorhanden; Empfehlungen aus dem Freundeskreis ebenso wie professionelle Besprechungen.

2. Erst kürzlich machte der Bundesverband der Verbraucherzentrale wieder klar, wo bei Kinder-Apps tatsächlich nachgebessert werden sollte: Im Rahmen des Projekts „Verbraucherrechte in der digitalen Welt“ testete die Zentrale 32 kostenlose mobile Anwendungen. Das Ergebnis der Studie ist nicht überraschend, aber eine gute Erinnerung daran, dass die bunte Spielewelt immer noch ein rechnerisches Kalkül ist, in dem nur die Werbung frei Haus geliefert wird.

Mit seiner Kennzeichnung von In-App-Käufen und der Möglichkeit des Ausschlusses dieser in den gerätespezifischen Einstellungen versuchte Apple in der Vergangenheit bereits die Büchse der Pandorra wieder zu verschließen. Zusätzlich müssen Entwickler von Kinder-Apps ab iOS7 eine Datenschutzerklärung abgeben, die über Sammeln und Verwenden von personenspezifischen Daten informiert. Auch die Industrie bemüht sich, schwarze Schafe aus ihren Reihen auszuschließen und legt eigene Qualitätsstandards vor, die Vertrauen in ihre Produkte schaffen sollen.

Hätte sie besser nichts gesagt…

… denn die Schlussfolgerung ist ebenso trivial wie die Argumente selbst: Nutzer sind in der Pflicht, Angebote kritisch zu evaluieren. Viele würden ja wahrscheinlich auch keine chinesische Hartplastepuppe bei kik! ohne Prüfsiegel für 1,79 Euro kaufen. Dieses Bewusstsein für ein Mindestmaß an Sicherheit und Qualität braucht es auch beim Shopping im App-Store.

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Diskussion 22 Kommentare.
Dieser Unterhaltung fehlt Deine Stimme.
    • Eine sehr schlau machende App ist meiner Meinung nach “iredstone” weil es dem Spiel minecraft nochmal einen ganz neuen Touch gibt und einfach unglaublich zum logischen nachdenken anregt/zwingt.

      — Master
  1. Unsere kleine nutzt das iPad und lernt fleißig das zählen und das spielerisch. Sie hat sogar Spaß dabei. Mich ärgern die immer wieder aufflackernden Werbungen und das freischalten weiterer Level wenn man sich mit Facebook verbindet. Mit all dem können Kinder in jungen Jahren nichts anfangen und gehören daher dort auch nicht rein. Ich bin gern bereit für eine gute Kinderapp auch mal fünf Euro zu bezahlen aber bis dahin arbeitet das iPad im flugmodus und inappkäufe sind ausgeschalten.
    Echt schade, es steckt viel Potenzial in dem iPad und deren Apps. Bitte liebe Entwickler tut etwas für unsere Kinder und nicht nur für den schnellen abgezockten Euro.

    — Ichbleibich
  2. Ich finde es gibt tatsächlich auch gute Kinderapps bei denen die Kleinen kreativ sein können und lernen oder gefordert werden. Nur muss man diese Apps auch finden. Aufjeden Fall sollte man nicht schlechte mit guten Apps über einen Kamm scheren

    — Zetto
  3. sehr guter Artikel, gibt es irgendwo eine Liste guter und sinnvoller Apps? Es wäre auch klasse eine “Echte” Spielzeitbegrenzungsapp zu haben/finden um den Konsum besser kontrollieren zu können…. haben bisher nichts vernünftiges gefunden.

    — Markus
      • Ich empfehle den Eltern erstmal das Vorleben von bewusster Einschränkung, denn Kinder lernen durch abschauen und nachmachen. Und nochwas: Nicht andauernd neue Apps draufziehen, hilft auch ungemein.

        — UranDieb
  4. Sehr gut geschriebener Artikel! Das Thema betrifft mich nicht, ist aber dennoch sehr interessant, Dankeschön!

    — mpvb
  5. Die ehemalige Bildungsministerin Annette Schavan sagte einmal zu diesem Thema: Wenn es nach ihr ginge, würde sie den Kindern in die Schultüte drei Dinge packen: Ein Musikinstrument, ein iPad und ein paar Turnschuhe. Und da hat sie sowas von Recht!

    — heldausberlin
    • Wenn ich mich in den Kommentaren so umschaue, dann wären die drei Dinge:
      1. Deutsche Rechtschreibung
      2. Deutsche Grammatik
      3. Fremdwörterbuch
      ;)

      — Ben
      • Das darf dann auf dem iPad gerne als Lern-App vorinstalliert sein. ;)

        — heldausberlin
  6. Hervorragender Artikel, klasse!
    Zwei Anmerkungen vielleicht: Das kik!-Beispiel samt von filigranen Kinderfingerchen gefertigter Billig-Puppen ist so (leider) ja nicht auf den App-Store übertragbar: Wie schön wäre es, man könnte unter Umgehung von kik! gleich in einen Shop mit Pädagogik-Materialien (inkl. Fachberatung!) oder in eine kleine, aber feine Buchhandlung (Diogenes aufwärts) unter (zeitweiser) Umgehung der Kaufhaus-Abteilung mit Bestsellern von Bastei-Lübbe gehen. Der AppStore aber ähnelt eher Räumen mit Grabbel-Tischen, wo Gudjons und Hilbert-Meyer neben Grisham liegen.
    Was mir ebenfalls fehlt, ist die Diskussion um Bildschirm/Augen im Kindesalter: Erwachsene bekommen Leitfäden an die Hand, wie mit Augenzwinkern und Bildschirmpausen Trockenheit und Folgeschäden zumindest zu begrenzen sind, bei Kinderaugen (Wachstum, Entwicklung) scheint das (bin da kein Fachmann, fällt mir nur gerade ein) selten eine Rolle zu spielen.
    Was den pädagogischen Gehalt von Apps insgesamt angeht, bin aber auch ich, wenn das Gleichgewicht zum nicht-digitalen Lernen stimmt, eher optimistisch denn skeptisch: Tabletts stellen eine große Chance dar.

    — Piet
  7. großes Lob an euch, iFun.
    Die letzten Berichte gefallen mir inhaltlich sowie vom Schreibstil sehr, sehr gut. Weiter so!

    — Benzel
    • Die Dr Panda Apps sind gut, stürzen nur leider oft ab, wenn man die Sprache auf chinesisch stellt. Dürfte bei nicht so vielen der Fall sein, aber unsere Kinder werden zweisprachig deutsch/chinesisch erzogen, weil meine Frau Chinesin ist. Habe den Entwicklern schon ein paar Mails geschickt, aber irgendwie ändert sich nichts.

      Cromax
  8. Hi,
    auch wenn der Inhalt vielleicht vielen konsumgeilen nicht gefällt : Lest Euch mal (bzw. hört Euch die Hörbuchversion an) “Digitale Demenz” von Manfred Spitzer durch. Dennnicht alles was neu ist ist gut für Kinder… Meistens schon gar nicht, wenn es Politer empfehlen…

    — Holger

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